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ADHS

„ADHS ist mehr als ein Konzentrations­problem.“

Von Semir Agovic

Fachbereichsleiter ADHS

Porträt von Semir Agovic

Was an Ihrer Arbeit würde jemanden überraschen, der nur die Schlagzeilen über ADHS kennt?

Viele denken bei ADHS immer noch an unruhige Menschen, die sich nicht konzentrieren können. In der Praxis sehe ich aber oft Menschen, die beruflich erfolgreich sind und nach aussen gut funktionieren. Was man nicht sieht, ist, wie viel Kraft sie das im Alltag kostet. ADHS ist eben viel mehr als nur ein Konzentrationsproblem.

Viele erkennen sich heute in einem Video auf Social Media wieder. Was sagen Sie jemandem, der mit diesem Verdacht zu Ihnen kommt?

Ich nehme diesen Verdacht grundsätzlich ernst. Manchmal erkennen Menschen durch solche Videos tatsächlich Schwierigkeiten, die sie schon lange begleiten. Aber nicht jede Vergesslichkeit oder Unruhe bedeutet gleich ADHS. Ähnliche Beschwerden können auch durch Stress, Schlafprobleme oder andere psychische Erkrankungen entstehen. Deshalb ist es wichtig, genauer hinzuschauen und nicht vorschnell eine Diagnose zu stellen.

Wie läuft eine gute Abklärung ab, und warum braucht sie Zeit?

Eine gute ADHS-Abklärung beginnt für mich mit einem ausführlichen Gespräch. Ich möchte verstehen, welche Schwierigkeiten jemand heute hat, aber auch, wie es früher in der Schule, in der Familie oder im Alltag war. Dazu kommen Fragebögen und, wenn vorhanden, frühere Schulberichte oder Informationen von Angehörigen. Wichtig ist auch, andere mögliche Ursachen und Begleiterkrankungen zu berücksichtigen. Es gibt keinen einzelnen Test, mit dem man ADHS sicher feststellen kann. Deshalb braucht eine sorgfältige Abklärung Zeit.

Warum fällt ADHS bei Frauen oft erst mit 30 oder 40 auf?

Viele Frauen mit ADHS waren als Kinder gar nicht besonders auffällig. Sie waren vielleicht eher verträumt, still oder haben versucht, ihre Schwierigkeiten durch Fleiss auszugleichen. Das funktioniert manchmal viele Jahre. Wenn später Beruf, Familie und andere Verpflichtungen zusammenkommen, reichen diese Strategien oft nicht mehr aus. Erst dann wird deutlich, wie anstrengend der Alltag eigentlich schon immer war.

Hochfunktionale Menschen mit ADHS kompensieren jahrelang, bis es nicht mehr geht. Woran erkennen Sie im Gespräch, dass jemand kompensiert?

Ich frage oft nicht nur, ob jemand seinen Alltag schafft, sondern auch, wie er das schafft. Manche Menschen brauchen unzählige Listen, Erinnerungen und sehr viel Kontrolle, damit nichts vergessen geht. Nach aussen läuft alles gut, aber innerlich sind sie ständig angespannt und erschöpft. Für mich ist deshalb nicht nur wichtig, was jemand leistet, sondern auch, wie viel Energie ihn das kostet.

Woran messen Sie, ob eine Behandlung wirkt, jenseits von „ich kann mich besser konzentrieren“?

Eine erfolgreiche Behandlung zeigt sich für mich vor allem im Alltag. Kommt jemand besser mit seinen Aufgaben zurecht? Gibt es weniger Stress zu Hause oder bei der Arbeit? Hat sie am Abend noch Energie für sich selbst? Es geht nicht darum, dass jemand einfach noch mehr leisten kann. Entscheidend ist, dass das Leben insgesamt leichter wird.

Emotionale Dysregulation steht nicht in den Diagnosekriterien, ist für viele Erwachsene aber häufig ein Kernpunkt. Gehört sie für Sie zum Kern von ADHS, und wie gehen Sie damit um?

Emotionale Dysregulation ist bei Erwachsenen mit ADHS ein wichtiges Thema. Sie kann sich auf unterschiedliche Weise zeigen, unter anderem durch emotionale Impulsivität. Allerdings ist sie nicht spezifisch für ADHS und kommt auch bei anderen psychischen Erkrankungen vor. Da sie für viele Betroffene im Alltag sehr belastend sein kann, schenke ich ihr auch in der Behandlung besondere Aufmerksamkeit.

Gibt es ein Thema, bei dem Sie selbst die Zeit vergessen?

Ja, durchaus. Wenn mich ein Thema wirklich interessiert und ich mich intensiv damit beschäftige, kann ich die Zeit schon einmal vergessen. Besonders bei spannenden fachlichen Gesprächen passiert das. Ich glaube, das kennt jeder.

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